Wer mich kennen lernen will, muss meinen Garten kennen, denn mein Garten ist mein Herz.

Hermann Fürst von Pückler-Muskau

In der Hauptstadtregion Berlin-Brandenburg ist die Augenoptik bzw. Optik mit circa 2.000 Beschäftigten ein expandierender Wirtschaftszweig. Eine bedeutende Rolle übernimmt darin Rathenow. Mit 25 mittelständischen Unternehmen, circa 30 Zulieferbetrieben sowie der Fielmann AG und der Essilor Rathenow GmbH ist ein nachhaltiges Standortprofil entstanden, das die Beschäftigung von über 1.200 Arbeitnehmern sichert. Die Produkte und Leistungen der regionalen Unternehmen und Institutionen nehmen eine beachtliche nationale sowie internationale Marktposition ein. Rathenow ist die einzige Stadt in Deutschland mit Firmen aus der gesamten Wertschöpfungskette der Optik-Branche. Für die Stadt Rathenow ist die Optik das Alleinstellungsmerkmal.

Die Geschichte der optischen Industrie in Deutschland ist eng mit der Geschichte der Familie Duncker aus Rathenow verbunden. Im Wesentlichen haben drei Angehörige dieser Familie, Johann Heinrich August Duncker, sein Sohn Eduard Duncker und später dessen Neffe Emil Busch, die Anfänge der optischen Industrie in Rathenow geprägt. Der Begründer der optischen Tradition war der Prediger der Sankt-Marien-Andreas-Kirche, Johann Heinrich August Duncker (14.01.1767 – 14.06.1843).

Teils aus Liebhaberei, teils um sich einen Nebenerwerb zu verschaffen, entschloss sich Duncker, seine erworbenen Kenntnisse auf dem Gebiet der Optik praktisch umzusetzen. Da Duncker als Prediger nicht ohne weiteres ein Gewerbe betreiben durfte, musste er beim preußischen König Friedrich Wilhelm III. um eine Genehmigung bitten.

Am 10.03.1801 erhielt er das königliche Privileg zur Betreibung einer optischen Industrieanstalt. Am gleichen Tag wurde auch die von ihm konstruierte Vielschleifmaschine patentiert. Sie lieferte gleichmäßig geschliffene Gläser für Lupen, Mikroskope und Brillen. Seine ersten Arbeiter waren invalide Soldaten und Waisenkinder, die so ihren Lebensunterhalt verdienten. Die Produktionsräume befanden sich auf dem Dachboden seines Geburtshauses, dem Pfarrhaus am Kirchplatz 12. Unterstützt wurde Duncker durch seinen Teilhaber und Hauptfinanzierer, dem Rathenower Garnisons- und Feldprediger, Samuel Christoph Wagener. Duncker leitete die technische Fertigung, Wagener war für den Verkauf zuständig.

Sein Sohn Eduard Duncker (1797 – 1878) übernahm 1820 die Leitung der Optischen Anstalt. Unter seiner Leitung wurde das Produktionssortiment erweitert und der Vertrieb ausgebaut. Die ständige Steigerung der Produktion und der damit verbundene Platzmangel führten dazu, dass Eduard Duncker seinen Arbeitern Maschinen zur Verfügung stellte, damit diese zu Hause produzieren konnten. Es entwickelten sich die für Rathenow typischen „Waschküchenbetriebe“.

Nach 26-jähriger Leitung übergab Eduard Duncker am 1. April 1845 die Optische Industrieanstalt an seinen Neffen Emil Busch (1820 – 1888), der bereits seit 1840 im Unternehmen tätig war. Unter seiner Leitung wurde aus dem mittleren Unternehmen ein fabrikmäßiger Großbetrieb. 1854 war die Anzahl der Beschäftigten von 67 auf 130 gestiegen. Im gleichen Jahr präsentierte sich die Firma mit optischen Erzeugnissen auf der Weltausstellung in London. Die erfolgreiche Firmenpolitik Buschs machte es möglich, in den umfangreichen Ausbau und Neubau des Werkes in der Berliner Straße 5 zu investieren. 1861 verfügte die Firma über ein massives Fabrikgebäude und ein neu errichtetes massives Hintergebäude.

1852 nahm Busch die Produktion fotografischer Apparate auf. Im Jahre 1857 gelang es ihm, die Übereinstimmung der Brennpunkte von Licht unterschiedlicher Wellenlänge in Objektiven (Ausgleich der Fokusdifferenz) herzustellen. Seine Erfolge auf diesem Gebiet führten zu einem deutlichen Aufschwung der Produktion von Fotoobjektiven und Fotoapparaten. Buscherzeugnisse genossen weltweites Ansehen und stellten eine ernsthafte Konkurrenz zu den ausländischen Anbietern dar. Sie zeichneten sich durch zuverlässige Präzisionsarbeit, günstige Preise und Neuerungen aus. Zu den spektakulären Neuerungen zählte das 1865 von Busch fertiggestellte erste Weitwinkelobjektiv „Pantoscop“. Die Optische Industrie-Anstalt hatte sich über die Grenzen Deutschlands hinaus zu einem führenden Unternehmen entwickelt. 1872 erfolgte die Umwandlung in eine Aktiengesellschaft, die Emil Busch AG. Der gestiegene Bedarf an optischen Artikeln führte zu Gründungen weiterer Unternehmen.

Im Jahre 1896 gab es in Rathenow 163 optische Betriebe. Schon zur damaligen Zeit hatte sich Rathenow den Ruf als „Stadt der Optik“ erworben. Zur zweitgrößten und bekanntesten Firma, insbesondere auf dem Gebiet der Brillenglasfertigung, entwickelte sich das Unternehmen „Nitsche & Günther“.

Der erste Weltkrieg und die darauf folgende Wirtschaftskrise hemmten die weitere Entwicklung in der optischen Industrie. Absatzgebiete gingen verloren, Teile der Belegschaften wurden eingezogen. Die Kontakte zu den ausländischen Partnern wurden erschwert. Produziert wurde hauptsächlich für den Heeresbedarf. In der Nachkriegszeit führte die Geldentwertung zu umfangreichen Einschränkungen, Entlassungen und Konkursen in der optischen Industrie. Trotzdem gab es 1930 über 200 Betriebe in der Stadt.

Während des Zweiten Weltkrieges waren die beiden Großbetriebe der Stadt vollständig in die Rüstungsproduktion einbezogen. Die zivile Produktion wurde durch behördliche Anordnung stark eingeschränkt. Auch die optische Industrie ließ Zwangsarbeiter für sich arbeiten. In den letzten Kriegstagen wurde der größte Teil der Stadt bei schweren Kampfhandlungen zerstört. Das optische Unternehmen der Emil Busch AG lag in Trümmern und die Fabrikanlagen der Firma Nitsche & Günther waren stark beschädigt. Durch die Kriegs- und Nachkriegswirren brach die feinmechanische und optische Industrie in Rathenow in ihrem Produktions- und Vermarktungsmechanismen zusammen. Enorme Zerstörungen, Reparationsleistungen und fehlende Fachkräfte erschwerten den Neuanfang.

Wie in allen Bereichen wurden auch die großen und mittleren Betriebe der optischen Industrie in Rathenow enteignet, einige Firmen verließen Rathenow. Aus dem im November 1945 enteigneten Unternehmen Nitsche & Günther gründete sich im März 1946 der Betrieb „Rathenower Optische Werke mbH“. Am 1. Juli 1948 wurde daraus, unter Einbeziehung der Emil Busch AG, der Volkseigene Betrieb Rathenower Optische Werke (VEB ROW). Ende 1950 waren dort 1.856 Arbeiter beschäftigt. 1966 wurde der Betrieb dem Kombinat Carl-Zeiss-Jena unterstellt.

Im März 1958 schlossen sich zunächst 45 von 72 noch vorhandenen Optikfirmen zur PGH „J.H.A. Duncker“ zusammen.

Ab 1972 wurde die Produktionsgenossenschaft des Handwerks als volkseigener Betrieb eingestuft und nach dem Arbeiterführer Hermann Duncker benannt. Sechs Jahre später wurde der VEB Augenoptik Hermann Duncker auch dem Kombinat Carl-Zeiss-Jena angegliedert. Aus dem Zusammenschluss der beiden großen optischen Betriebe entstand 1980 der VEB Rathenower Optische Werke „Hermann Duncker“. Bis 1989 war dieser Betrieb mit ca. 4.420 Mitarbeitern alleiniger Hersteller von Brillen in der DDR.

Mit der Wende im Jahr 1989 lösten sich die ROW aus dem Kombinat Carl-Zeiss-Jena heraus.
Im Juli 1990 vollzog sich die Umwandlung des volkseigenen Betriebes in einen GmbH. Ein neues Konzept entstand. Mit Hilfe von Beraterfirmen wurde versucht, die Chancen auf dem Markt zu verbessern.
Die Treuhandgesellschaft entschied 1991, das Unternehmen in drei Bereiche aufzuteilen. Der größte Teil der Belegschaft wurde entlassen, alte Produktionshallen wurden abgerissen. 1992 wurde die ROW GmbH in verschiedene Einzelunternehmen privatisiert, die Immobilien wurden durch die Gesellschaft veräußert.

Von den 1992 privatisierten Einzelunternehmen und den Unternehmen, die sich in den Jahren danach etablierten, schafften nicht alle den Sprung in die Marktwirtschaft. Der optischen Industrie verbunden fühlte sich die Augenoptikerinnung des Landes Brandenburg, die Rathenow als ihren Hauptsitz wählte. Seit Juni 1998 gibt es das Bildungs- und Technologiezentrum für Augenoptik im Gewerbegebiet Grünauer Fenn. Das Zentrum ist ausgestattet mit modernsten optischen Geräten aller namhaften Anbieter der Branche. Somit ist für die überbetriebliche Ausbildung zum Augenoptiker und für die Meisterausbildung ein optimaler Ausbildungsstandard gegeben.

Heute arbeiten in Rathenow rund 25 feinmechanische und optische Unternehmen, die für den Fortbestand des Rufes als Optikstadt sorgen. Einige Firmen sind weltweit bekannt. Dass „Optik – Made in Rathenow“ wieder im Aufwärtstrend ist, zeigt die Entwicklung der Unternehmen auf dem Markt.

Textteile: www.rathenow.de