Das Leben beginnt mit dem Tag, an dem man einen Garten anlegt

Chinesisches Sprichwort

Das Ministerium für Wirtschaft und Europaangelegenheiten des Landes Brandenburg hat die Firma ift Freizeit- und Tourismusberatung GmbH im September 2010 beauftragt, eine Untersuchung zur „Erfassung und Bewertung der Potenziale der Industriekultur in den Wachstumskernen des Landes Brandenburg“ zu erstellen.

 

 Studie zur Industriekultur des Landes Brandenburg (PDF / ca. 2MB)

Industriekultur in Rathenow: Optik Industrie Museum und Optikpark mit Brachymedial-Fernrohr

Das Ministerium für Wirtschaft und Europaangelegenheiten des Landes Brandenburg hat die Firma ift Freizeit- und Tourismusberatung GmbH im September 2010 beauftragt, eine Untersuchung zur „Erfassung und Bewertung der Potenziale der Industriekultur in den Wachstumskernen des Landes Brandenburg“ zu erstellen.

Das Thema Industriekultur hat innerhalb des Kompetenzfeldes Tourismus in den letzten zehn Jahren kontinuierlich an Bedeutung gewonnen. Die Industriekultur ist aber nicht alleine ein touristisches Thema. Sie spielt darüber hinaus eine wichtige Rolle als Teil der eigenen Vergangenheit und der städtischen bzw. regionalen Identität. Maßgeblichen Akteuren ist klar geworden, dass es eine wichtige Aufgabe ist, industrielle Standorte als Zeugnisse der eigenen Geschichte soweit wie möglich vor dem Verfall zu retten und einer sinnvollen Nachfolgenutzung zuzuführen.

Der Erfolg einer industriekulturellen Einrichtung hängt von ihrem wahrgenommenen Profil ab. Dazu gehören das jeweilige Umfeld ebenso wie die historische Bedeutung, der bautechnische Zustand und der Erlebnisgehalt des gesamten Ensembles. Bei fast allen Zielgruppen ist das rein technische Interesse eher gering ausgeprägt. Wichtig ist, dass eine erlebnisreiche und spannende Geschichte erzählt wird.

Die Analyse hat gezeigt, dass das Thema Industriekultur in Brandenburg kein ausschließlich touristisches ist. Dies hat zur Konsequenz, dass außer einer Intensivierung der touristischen Vermarktung des Themas die industriekulturellen Zeugnisse stärker als Teil der eigenen Vergangenheit und der städtischen bzw. regionalen Identität bewusst gemacht werden müssen. Nur so können einzelne Standorte vor dem Verfall gerettet und einer sinnvollen Nutzung zugeführt werden.

Die wirtschaftlichen Potenziale bzw. die durch die Industriekultur ausgelösten wirtschaftlichen Effekte werden häufig unterschätzt. Im Rahmen der vorliegenden Untersuchung wurden folgende Eckdaten ermittelt:

  • Die industriekulturellen Standorte werden aktuell von rund 1 Million Menschen besucht, die rund 2,2 Millionen Euro an Eintrittsgeldern zahlen.
  • Der Anteil der Besucher industriekultureller Standorte an der Besucherzahl aller musealen Einrichtungen in Brandenburg beträgt rund 20 Prozent.
  • Die Zahl der Beschäftigten industriekultureller Einrichtungen beläuft sich auf rund 500.
  • Die sonstigen Ausgaben der Besucher industriekultureller Standorte (davon rund 70 Prozent Tagesausflügler und 30 Prozent Übernachtungsgäste) führen zu einem touristisch bedingten Umsatz (Gastronomie, Unterkünfte, Einzelhandel etc.) von rund 50 Millionen Euro im Jahr.

 

Diese rein wirtschaftliche Betrachtungsweise zeigt, dass die Industriekultur nach wie vor ein Nischenthema ist – verglichen mit dem gesamten touristische Bruttoumsatz von rund 4,25 Milliarden Euro -, aber eines mit kontinuierlichem Wachstumspotenzial.

Brandenburg gehört zu Bundesländern – neben Nordrhein-Westfalen, Sachsen-Anhalt und dem Saarland -, in denen das Thema Industriekultur eine überdurchschnittliche Rolle spielt - und dies, obwohl das Land kein klassisches Zentrum der Industrialisierung wie z. B. das Ruhrgebiet ist.

 

Die industriekulturellen Angebote sind - mit Ausnahme der Lausitz - eher kleinteilig und verstreut. Industrieanlagen entstanden im Umfeld von Berlin als Zulieferer, entlang der Oder und den traditionellen Industriestandorte der DDR. Dennoch verfügt Brandenburg über herausragend industriekulturelle Einrichtungen. Das Industriemuseum in Brandenburg an der Havel, das Besucherbergwerk F60 in Lichterfeld und der Ziegeleipark Mildenberg in Zehdenick sind ERIH-Ankerpunkte (Europäische Route der Industriekultur) und gehören damit zu den Highlights europäischer Industriekultur.

 

Erfahrungen aus anderen Regionen zeigen, dass ein wesentlicher Faktor für die erfolgreiche

und authentische Inwertsetzung und Vermarktung der Industriekultur die Akzeptanz der Bevölkerung ist. Dabei zeigt sich oft das Problem, dass der Strukturwandel und der damit einhergehende Verlust von Wirtschaftskraft und Arbeitsplätzen in der Region ein negatives Image fördern. Experten aus dem Ruhrgebiet berichten, dass die Wertschätzung und Akzeptanz für altindustrielle Standorte als Kulturgut mit dem zeitlichen Abstand wächst. Sie raten daher dazu, keine übereilten Entscheidungen über Nutzungskonzepte oder Abriss zu treffen.

 

Dank der Unterstützung der TMB und des Museumsverbandes Brandenburg e.V. sowie eigener Recherchen konnten Adressen und Ansprechpartner von 79 Einrichtungen ermittelt werden, an die ein Fragebogen per Post verschickt wurde. Insgesamt konnten 58 Fragebögen sowie die Daten von fünf weiteren Einrichtungen – auf Basis von ift recherchierter Informationen – ausgewertet werden. Die Rücklaufquote beträgt somit 73 bzw. 80 Prozent – bei Berücksichtigung der zusätzlich ermittelten Angaben.

Zu den besucherstarken Einrichtungen zählen:

- Brachymedial-Fernrohr im Optikpark Rathenow: 86.000

- Besucherzentrum IBA-Terrassen: 80.000

- Besucherbergwerk F 60: 62.000

- Luftfahrtmuseum Finowfurt: 50.000

- Familiengarten Eberswalde: 50.000

- Museumspark Rüdersdorf: 50.000

- Ziegeleinpark Mildenberg: 48.000

- Historische Mühle Potsdam: 45.000

 Die zentralen Oberkategorien mussten erfüllt sein, um im Rahmen dieser Untersuchung in die Betrachtung einbezogen zu werden:

 - Authentizität: Originalschauplatz bzw. bedeutsamer Ort

- Symbolwert: Ausstrahlungskraft der Landschaften und Bauten

- Erlebbarkeit: touristische Erschließung.

Alle Einrichtungen müssen die drei Bereiche Führungen, Authentizität der Kulisse und Parken erfüllen, um mindestens der Kategorie „Geheimtipp“ zugeordnet werden zu können. Um zu den „sehenswerten“ Einrichtungen zu zählen, müssen zudem noch die Kriterien Öffnungszeiten, Interpretation des Themas, Marketing und Ausschilderung erfüllt sein. „Highlights“ sind die Einrichtungen, die darüber hinaus noch die Kriterien Veranstaltungen, Kinderangebote, Shop, Gastronomie und Besucherzentrum mit ihren definierten Ausprägungen erfüllen.

Auf der Grundlage der Angaben der Einrichtungen, eigener Nachrecherchen sowie Ergänzungen der Fragebögen zeichnet sich nachfolgendes Ergebnis ab. Zu den Highlights zählen folgende Einrichtungen (Quelle: ift GmbH):

1. Besucherzentrum IBA-Terrassen

2. Besucherbergwerk F60

3. Optikpark Rathenow mit Brachymedial-Fernrohr

4. Familiengarten Eberswalde

5. Finowkanal und Schiffshebewerk am Oder-Havel-Kanal

6. Industriemuseum Brandenburg an der Havel

7. Ziegeleipark Mildenberg

8. Hütten- und Fischereimuseum Peitz

9. Landgut A. Borsig Kontor GmbH

10. Erlebnis-Kraftwerk Plessa

11. Kunstmuseum Dieselkraftwerk Cottbus (kein FB)

12. Museumspark Rüdersdorf

Zu den Einrichtungen der Kategorie „Sehenswert“ gehört das Kulturzentrum Rathenow mit seinem Optik Industrie Museum Rathenow.

Von den 61 gelisteten Standorten gehören jeweils 16 Standorte den Kategorien „Highlights“ und „Geheimtipp“ an (= jeweils 26 Prozent) und 29 der Kategorie „Sehenswert“ (48 Prozent) an.

Die Besucherzahl aller erfassten Standorte beträgt rund 900.000, wobei allerdings mehr als die Hälfte auf die 8 besucherstärksten entfällt. 62 Prozent der befragten Einrichtungen haben weniger als 10.000 Besucher. Die Hauptzielgruppen sind Schulklassen, Familien mit Kindern und die Generation 50+. Bei einem geschätzten durchschnittlichen Eintrittspreis von 3 Euro, erwirtschaften die industriekulturellen Einrichtungen damit im Jahr rund 2,2 Millionen Euro an Eintrittsgeldern.

Schwieriger zu schätzen sind die indirekten wirtschaftlichen Effekte (für Übernachtungs-, Gastronomie- und Einzelhandelsbetriebe etc.), die durch die Besucher industriekultureller Standorte ausgelöst werden, zumal deren Nutzung in der Regel mit der anderer touristischer Attraktionen verbunden wird. Man kann jedoch davon ausgehen, dass der größte Teil der Besucher Tagesausflügler sind, die deutlich weniger als Übernachtungsgäste ausgeben. Auf Basis der vom dwif ermittelten Zahlen (zum Teil bezogen auf 2009, zum Teil auf 2004) gibt der durchschnittliche Übernachtungsgast in Brandenburg rund 117 Euro, der durchschnittliche Tagesausflügler rund 20 Euro aus. Der gesamte touristische Bruttoumsatzbeträgt rund 3,3 Milliarden Euro, die Zahl der direkt im Tourismus Beschäftigten 115.000.

Es wird geschätzt, dass rund 70 Prozent der Besucher industriekultureller Einrichtungen Tagesausflügler und 30 Prozent Übernachtungsgäste sind. Legt man das gleiche Ausgabeverhalten zugrunde wie bei den touristischen Gästen in Brandenburg, kommt man auf einen Gesamtumsatz von rund 50 Millionen Euro im Jahr, der durch Besucher industriekultureller Standorte generiert wird. Natürlich muss mit derartigen Zahlen vorsichtig umgegangen werden, da man sie nicht eindeutig den industriekulturellen Einrichtungen zuordnen kann Sie bieten aber zumindest einen Anhaltspunkt, wenn es um die Bewertung der wirtschaftlichen Bedeutung des Themas Industriekultur im touristischen Gesamtzusammenhang geht.

Text: Auszug aus Endbericht Potenziale der Industriekultur in Brandenburg, 29. November 2010

Die Optikstadt Rathenow ist eine der wenigen Städte mit mehr als einer Nennung in der Studie: mit dem Optik Industrie Museum und dem Optikpark mit Brachymedial-Fernrohr.